Kohle- und Glasfasern stabilisieren dünne Natursteinpaneele
Zwischen einem Spezialisten für kohlenstofffaserverstärkten Kunststoff (CFK) und einem Steinmetz scheinen Welten zu liegen. Doch: »Naturstein ist in Verbindung mit Carbonfasern als Werkstoff CFS® mit bisher nicht bekannten Eigenschaften im Industriedesign angekommen«, davon ist Kolja Kuse, Chef-Technologe der Münchener TechnoCarbon GmbH, überzeugt. Kürzlich lieferte das innovative Unternehmen drei Millimeter »dicke« Dünnsteinplatten im Format 195 x 350 Zentimeter für den Ausbau einer Yacht an den Bodensee. Ausgangsmaterial war eine zwei Zentimeter starke Platte aus Madura Gold.
Stabilisierung mit Kohlefasern
Zur Herstellung der sogenannten »Steinbleche« werden die Natursteinplatten beidseitig mit Karbonfasern beschichtet und so vorgespannt, dass die Steinoberfläche unter Spannung gerät. Dann wird die Platte mit einer Seilsäge flächig durchtrennt. Es entstehen zwei vorgespannte, nun gewölbte »Steinbleche«, die nach der Montage auf einer ebenen Fläche die Anmutung eines massiven Belags vermitteln.
Beim Transport muss das Steinblech richtig gehandhabt werden. Vor allem kann es nur in eine Richtung belastet, das heißt gebogen werden, und zwar mit der kohlefaserverstärkten Seite nach unten. »Das Faszinierende am Stein ist«, schwärmt Kolja Kuse, »dass er viel flexibler ist als gemeinhin angenommen wird, sofern man ihn richtig behandelt. Man muss ihn vor der Bildung von Haarrissen schützen. Das tun wir durch die Beschichtung mit Kohlefasern. Die Steinplatte hängt beim Transport zwar durch, aber solange der Stein unter Druck ist, fühlt er sich wohl: So ist er ja entstanden.«
Das patentierte Verfahren funktioniert vorläufig nur mit Hartgesteinen, Marmor lässt sich nicht vorspannen. Wie die Natursteinplatte vorgespannt wird, wollte Kolja Kuse nicht verraten – das zählt zum Know-how des aufstrebenden Unternehmens. Nur so viel noch, dass die leichten Steinbleche inzwischen erste Hürden für die Zulassung im Innenausbau von Flugzeugen genommen haben.
Geprüfte Materialien
»Vom Stein her verarbeiten wir (fast) alles, vom günstigen spanischen Kalkstein bis hin zum Nero Bodoro, wo der Quadratmeter der Rohplatte bereits mit 800 Euro zu Buche schlägt«, sagt Stefan Seeberger, Inhaber von »Design in Stein«, Wallerstein. Sein Unternehmen zählt zu den wenigen Betrieben, die Werften im In- und Ausland beliefern. Das Rohmaterial wird vom Schiffseigener vorgegeben oder in die Werkstatt geliefert und zu Dünnsteinverbundelementen verarbeitet – unter anderem für Traumschiffe wie die AIDA.
In Seebergers Werkstatt werden zwei Zentimeter dicke Natursteinplatten mit Aluminiumtafeln, bevorzugt Alucobond, beidseitig verklebt. Anschließend wird das Element mittig auseinandergesägt, kalibriert, geschliffen und poliert. Es bleiben fünf Millimeter Stein und vier Millimeter Aluplatte, die Gesamtstäke beträgt also neun Millimeter bei einem Gewicht von - je nach Stein – etwa 18 bis 20 kg/m2. Als Einsatzbereiche nennt Stefan Seeberger Boden und Wandverkleidungen, wobei Letztere auf Basis von Alucore oder Aluwabe mit von hinten genieteten Wandankern versehen sind. Auch für Deckenverkleidungen sind die Halteanker montagefertig vorbereitet. Aber die geprüften Materialien werden von den Werften auch schon mal als Bodenbelag für die Tanzfläche auf dem Lower Deck hergenommen.
Dünner gehts kaum
Für noch dünnere und leichtere Elemente werden Glasfasern zur Stabilisierung verwendet. Damit kann Naturstein in Plattenstärken von nur fünf Millimeter bei der Sanierung von Bädern und Küchen direkt auf alte Fliesenbeläge verklebt werden. Wie seine Wettbewerber sieht auch Stefan Seeberger für den Dünnsteinbereich keine Wirtschaftskrise. »Im Dialog mit dem Kunden entwickeln wir die Lösung – und die entwickelt sich zum Auftrag.«
Autor: Anne-Marie Ring |